Mein Avatar hat mich gerade eben aufs Klo gebracht. Ein unscheinbarer Mann - ich mag diese vermeintliche Frauen-Solidarität in intimen Dingen nicht - mit unerhört feinfühligen Augen. Schweigsam, geradezu wortkarg, aber mit Augen (ich habe ein nicht näher definiertes Dunkelblau-Anthrazit gewählt), die Jahrhunderte durchwandert zu haben vorgeben. Augen, die von Schwertern zerfetzte Kreuzritter-Leiber gesehen, die Pest-Tote in den Armen gehalten und Eichmann-Opfern die Wunden zugenäht haben.
Mein Avatar zieht mir die Windelhose aus und setzt mich auf die Schüssel. Das ist mir nicht peinlich, denn ich weiß, wie er fühlt. Er ist so programmiert. Ich sitze auf der Schüssel, während er das Bett aufschüttelt. Dabei summt er eine uralte Melodie. Dann kommt er zurück, stellt keine dumme Frage, hilft mir auf, erledigt das Notwendige und bettet mich wieder.
Nachdem ich mich zurechtgerückt habe, ergreift er meine Tremor-geschüttelte Hand, hält sie in der seinen und summt noch einmal leise seine alte Melodie. Langsam gleite ich hinüber in die Welt meiner guten und schlechten Erinnerungen. Er bleibt sitzen, bis ich eingeschlafen bin. So ist er programmiert.
Früher sollen Menschen wie ich von schlecht bezahlten jungen Männern und Frauen gepflegt worden sein. Mal gut, mal schlecht. Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen voller Empathie, aber zur rechten Zeit genervt, am Ende mit ihrer Geduld und immer mit viel zu wenig Geld in der Tasche. Mein Avatar braucht kein Geld. Und er hat diese unglaublichen Augen... Er ist so programmiert.