In ein paar Jahren fehlen angeblich hunderttausende von Pflegekräften. Die Zahlen schwanken. Mal sind es 150.000, mal 500.000. Meine Nichte ist elf Jahre alt. Wenn Sie einmal glaubt, vor der Wahl zu stehen, ob sie Geigerin oder Pflegekraft werden will, Physik-Lehrerin oder Pflegekraft, Lagerarbeiterin oder Pflegekraft, sie wird keine Wahl haben: Sie muß Pflegekraft werden. Denn es wird keine anderen Berufe mehr geben. Wer braucht schon Geiger, wenn überall die Alten liegen und nach Versorgung schreien.
Sie wird nur die Wahl haben zwischen Hilfs-Pflegekraft, examinierter Pflegekraft, Pflege-Meisterin, Dipl.-Pflegerin und Pflege-Professorin Dr. rer. cur. Sie wird als Frau Dr. Pflegerin freilich mehr verdienen als die Hilfs-Pflegerin, da hat sie dann wenigstens noch die Wahl, wie weit sie um des Gehaltes willen ins Detail gehen will mit dem Dekubitus.
Das Pech der späten Geburt: In ihrem Berufsleben wird es nur immer um eines gehen - das Windeln alter Frauen und Männer. Sei es auf wissenschaftlicher Ebene bei der Erforschung des perfekten Unterlagematerials zur Vermeidung eines Dekubitus oder auf praktischer Ebene beim Bemühen um rechtzeitiges Umbetten zur Vermeidung desselben.
Ich gehöre zur ersten Generation, die bereits der elfjährigen Nichte auf den Kopf zusagen kann, mit was diese sich einmal ihr Berufsleben lang beschäftigen wird. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß wir einst von Robotern gewindelt werden. Und das wäre entschieden die humanste Lösung.